Nachbarschaftliche Geschichten (Mitmachaktion)


 

In der Südstadt leben wir in einer sehr bunten Nachbarschaft. Wir sprechen viele Sprachen, tragen unterschiedliche Kleidungen, kochen vielfältige Speisen und begrüßen uns in unterschiedlichen Ritualen.
Wir starten hier auf der Homepage eine Serie von persönlichen Porträts unserer Nachbar*innen.
Diese Reihe heißt "Nachbarschaftliche Geschichten".

Wir laden Sie ein zum Lesen und wir laden Sie ein zum Schreiben ein. Schicken Sie uns Ihre Geschichte! Den Beginn macht Tatjana Fessler mit dem folgenden Text.

 

Das Sitzbänkle (Lavotschka)

von Tatjana Fessler

Von der ersten bis zur zehnten Klasse besuchte ich die gleiche Schule in einem Dorf in Jakutien. Die Schule war nicht sonderlich groß. Holzöfen standen in den Klassenzimmern.

Im Winter spendeten uns diese Holzöfen, bei 50 Grad minus draußen, reichlich Wärme, trockneten unsere Filzstiefel  und Fäustlinge. Sie machten unsere Klassenräume besonders gemütlich.

Ich liebte meine Schule und ging sehr gerne von Montag bis Samstag  hin. Besonders stolz war ich auf meine Schuluniform: braunes Kleid mit weißem Spitzenkragen und einer schwarzen Schürze. Meine Haare wurden zu einem Zopf geflochten und auf dem Kopf mit einer weißen Schleife  wie eine Blume kunstvoll zusammen  gebunden.   Kurz vor der Abschlussprüfung in der zehnten Klasse sagte mir meine Mutter, dass wir im Sommer in die Stadt Irkutsk  umziehen werden. Dort könnte ich dann an der Uni studieren.

Alles lief nach Plan und im August saßen wir schon in unserer neuen Wohnung auf den halb ausgepackten koffern. Die Stadt Irkutsk mit seinen 700.000 Einwohnern hat uns Dorfbewohner mit den Menschenmengen, dem Stadtverkehr und der typischen Hektik der Großstadt fast erschlagen.

Im fünfstöckigen Hochhaus fühlten wir uns fremd und verloren.

Wir kannten ja niemanden in diesem Haus. An einem Abend klingelte es bei uns . An der Tür stand eine junge Frau. „Ich möchte Sie einladen, zusammen mit den anderen Nachbarn auf der Sitzbank zu sitzen.“

Diese Sitzbank stand draußen vor dem Hauseingang. Das hatte fünf Eingänge und an jedem stand eine Holzbank. Sie war stabil und blau gestrichen. Gerne nahmen wir die Einladung an und ein paar Minuten später saßen wir auf der Sitzbank, die die Hausbewohner zärtlich „Sitzbänkle“ nannten, auf Russisch „Lavotschka“.

Wir kamen ins Gespräch mit unseren neuen Nachbarn. Sie wollten wissen, ob wir etwas brauchten und ob wir zu recht in einer neuen Umgebung kamen?  Ich sah, wie meine Mutter über diese Zeichen der nachbarschaftlichen Aufmerksamkeit froh und dankbar war.

„Peodu pesidet na Lavotschke“

„Ich gehe auf dem Bänkle sitzen“ sagte sie, wenn sie einen Ratschlag brauchten oder Tipps, in welchem Laden man gut ausländische Parfums kaufen kann, oder einfach ein eigenes Backrezept empfehlen wollte.

Unser Sitzbänkle – Lavotschka, ob es immer noch beim Hauseingang steht? Es wäre schade, wenn es das Bänkle nicht mehr gäbe.